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wird wie bei
einer Hochzeit durch ihm Ort geführt. Der Hoca, der Dorfgeist-
liche, versieht die durchaus schmerz- halte Operation mit dem
entsprechen- drin religiösen Gepräge, als Lohn der apferkeit
winken reiche Geschenke. Mit diesem Tag ist der Junge in die
Welt der Männergesellschaft aufgenommen. I wen solchen Bruch
und klar markierten Uhergang in den Erwachsenenstatus er-
lohen Mädchen nicht. Sie müssen sich ihren Zugang zur
Öffentlichkeit erkämp- Ion und werden im Gegenteil eher
mißtrauisch dabei beobachtet. Männli- che Jugendliche können
sich nicht nur ungehemmt >die Hörner abstoßen< (mit
Prostituierten oder Touristinnen), son- dern insgesamt mit
einer weit größeren Nachsichtigkeit rechnen als Mädchen, für
die schon bei einem längeren Ge- spräch mit einem
Klassenkameraden (lie Ehre, und das ist zuallererst natür-
lich die Jungfräulichkeit, auf dem Spiel steht.
Letztlich ist das Leben türkischer Frau- en, soweit sie nicht
der Oberschicht an- gehören, vollständig einer rigiden Kon-
trolle durch die Männerwelt - Vater Brü- der, Ehemann -
unterworfen. Doch fremde Männer üben, was häufig über- sehen
wird, eine kaum weniger starke Kontrolle aus. In ihrem
Verhalten gegen- über Frauen klingt unterschwellig im- mer
auch der Versuch durch, herauszu- finden, ob sie >zu haben
ist, ob es sich um eine >ehrbare< Frau handelt oder nicht.
Eine Frau, die sich nicht in jeder Situation korrekt, d. h.
abweisend ver- hält, wird insgeheim - trotz aller locke- ren
Sprüche und Liebesschwüre - ver- achtet. Diese Denk- und
Verhaltens- muster gelten in allen Teilen der Türkei. Modische
Kleidung, greller Nagellack, erfolgreiche Berufstätigkeit,
luxuriöse Freizeitgestaltung - hinter dieser Fassa- de sieht
es oft ganz anders aus.
Tradition und Kultur
Mit der Volkskultur in der Türkei ist es wie mit der in
Bayern: die Touristen wol- len sehen, was die (meisten)
Einheimi- schen nicht mehr leben wollen. Kultur also nur noch
als Zitat, als Attraktion? In den Hotels der Costa turistica
gewiß: ein bißchen nachgestellte Hochzeiten, ein paar
Nasreddin-Hoca-Witze, vor allem aber Show und Betty Dance -
den berühmten Bauchtanz also. Der wird heute vorgeführt von
Mädchen, die den Damen den Atem stocken lassen, und den
Herren... na ja, für die wurde die äl- teste aller
Verführungskünste ja erfun- den. Der traditionellen
Volkskultur ent- stammt der Bauchtanz jedoch nicht: Er kam aus
dem Arabischen ins Programm der prunkvollen Feste am
Sultanshof. Später dann führte er in zwielichtigen Nachtclubs
ein schillerndes Eigenleben. Den echten Bauchtanz (oryantal)
erlebt man auch heute noch am besten im Rot- lichtmilieu
Istanbuls. Die Mädchen sind oft Zigeunerinnen, denn für eine
<ehr- bare< türkische Frau ist so etwas gänz- lich undenkbar -
eher läßt sich im Freun- deskreis bei ausgelassener Stimmung
schon mal ein Mann dazu verleiten, unter anfeuerndem Klatschen
der Zu- schauer die Hüften zu schwingen.
Echte türkische Volkstänze und Volks- musik kann man dagegen
sehr viel sel- tener erleben. Die beste Gelegenheit ist der
>Tag der Kinder<, der Nationalfeier- tag am 23. April, wo sie
von Kindergrup- pen aufgeführt werden. Regional sehr
unterschiedlich sind Figuren und Trach- ten der vier großen
Gruppen, in die tür- kische Tänze untergliedert werden: den
Reihentanz zeybek in West- und Süda- natolien, die Kreistänze
halay und bann Mittel- und Ostanatolien und der Rund- tanz
horon im Schwarzmeergebiet. Im ganzen Land verbreitet sind die
oyun-
Tänze (>Spiel(-Tänze) wie der ktho kalken oyunu ()Säbel-und-Schild-Spiel()
oder die kastk oyuntart, (>Löffelspieled, bei denen die Tänzer
den Rhythmus mit Holzlöffeln schlagen.
Die beiden typischen Instrumente der türkischen Volksmusik
sind die davul, eine große Pauke, und die zuma, eine
Kegeloboe, die mit ihrem schrillen Klang eine erstaunliche
Lautstärke er- reicht. Man hört sie oft bei Dorfhochzei- ten
und dem Umzug der Beschneidung der Jungen. Die saz, eine
Langhalslaute, ist das häufigste Begleitinstrument der
Tanzmusiker. Sie besitzt einen kleinen, bauchigen Korpus,
einen schmalen, sehr langen Hals mit drei Wirbeln, die
doppelchörig bespannt sind, und wird heute meist elektrisch
verstärkt.
Die alte Volksmusik hat jedoch eine ähnliche Entwicklung wie
die deutsche erlebt. Die bozlak (Liebeslieder) oder agit
(Totenklagen), früher zumeist das Metier wandernder
Zigeunermusiker, fristen ein Schattendasein - selbst für
Touristenaufführungen hält man diese Musik mit ihren für
europäische Ohren ungewohnten Halb- und Viertelton- schritten
und untemperierten Harmo- nien kaum geeignet (ein typisches
Bei- spiel ist übrigens der ezan, der Gebets- ruf des Müezzin).
Das, was man hingegen als >türkische( Musik überall hört, hat
einen langen Weg hinter sich. Am Anfang stand die
regierungsamtlich verordnete Verwest- lichung in den >kemalistischen(
Zeiten, als die staatlichen Radiosender nur europäische Musik
spielen durften. Das Volk hörte daraufhin arabische Sender,
und bald entstand eine subproletarische Musikrichtung, die man
arabesk nannte. Seit den 60er Jahren wurde diese um Elemente
der Pop-Musik, etwa Harmo- nie und Instrumentalisierung,
bereichert - und nach dem englischen Wort als aranjman
bezeichnet. Seit Anfang der 90er Jahre nun darf die türkische
Musik- Szene zu den produktivsten der Welt zählen - heute
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