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Ausmaßes bei
Industriearbeitern bis hinauf in die Mittelschichten. Der hohe
Grad der Arbeitslosigkeit (offiziell 10 %, Schätzungen
sprechen von rund 25 %) ist vor allem angesichts der Tatsache,
daß bei hohem Bevölkerungswachstum pro Jahr über 500 000
Jugendliche auf den Arbeitsmarkt drängen, eine beson- ders
schwere Last der türkischen Wirt- schaftspolitik.
Nicht besonders rosig sieht es auch beim Umgang mit Natur und
Umwelt aus. Die Pflege der Landschaft hat, wie in allen
Mittelmeerländern, schon tradi- tionell keinen besonders hohen
Stellen- wert; um so problematischer stellt sich die Situation
in den von hohem Urbani- sierungsdruck gekennzeichneten Regio-
nen um Istanbul sowie an der Ägäis-
und Südküste dar. Zersiedlung, mangel- hafte Abwasser- und
Müllentsorgung, Kraftwerke und Industrien ohne Abgas-
reinigung sind nur die Spitze eines Eis- bergs, der sich in
dem hier noch völlig ungebrochenen Glaubenssatz manife-
stiert, mit modernen Mitteln könne man alles machen.
Anzuerkennen ist zwar, daß die mit erheblichen Mitteln
durchgeführten Aufforstungsprogram- me recht gute Erfolge
zeigen. Doch wenn man die (oft sehr kleinen) Natio- nalparks
betrachtet, kann man sich des Gefühls nicht erwehren, hier
würde eher die Natur für den Tourismus als vor die- sem
geschützt: Der größte Nationalpark, rund um Kemer, ist
gleichzeitig eines der wichtigsten >Ferienparadiese< der
Türkei.
Die Einwohnerzahl der Türkei hat sich in den letzten 60 Jahren
etwa vervierfacht und nimmt bei konstant hohen Wachstumsraten
um rund 1 Mio. Menschen pro Jahr zu. Als Resultat sind heute
knapp die Hälfte aller Türken unter 20 Jahre alt. Einerseits
sind damit große Arbeitsmarktprobleme vorgezeichnet,
andererseits aber auch eine erstaunliche gesellschaftliche
Dynamik, etwa im Hinblick auf Urbanisierung (Stadtwachstum)
und Migration (Binnenwanderung). Tatsächlich ist das
Bevölkerungswachstum im regionalen Vergleich besonders
auffällig.
Auf den Straßen liegt das Gold ...
Gemeint sind natürlich die Straßen >der Stadt, und das ist
zuerst Istanbul, zur Not auch Ankara, Izmir, Adana... Dort
wollen alle hin, und diese Agglomerationen weisen weit
überdurchschnittliche Zuwachsraten auf. Unter
Bevölkerungsverlusten leiden dagegen die ohnehin schwach
besiedelten Hochlandgebiete Inneranatoliens und die östlichen
Gebirgsregionen. Besitzzersplitterung und ein unzureichendes
Arbeitsplatzangebot zwingen die Menschen zur Abwanderung in
die prosperierenden Regionen. Diese Landflucht der bäuerlichen
Bevölkerung hat mittlerweile dazu geführt, daß über 70 % der
Türken in Städten leben.
Im Vergleich zu den 60er Jahren spielt die einst ausgeprägte
ethnische Differenzierung der türkischen Staatsbürger heute
eine geringere Rolle. Griechen, die früher die
Bevölkerungsmehrheit in
den Dörfern im Westen stellten, mußten das Land 1923 verlassen
(s. S. 60f.); auch die Armenier, einst in der tukurova-Ebene
bei Adana und am Van-See im Osten ansässig, bezahlten den
Anspruch auf einen eigenen Staat mit der Vertreibung.
Arabische Einflüsse sind bis heute an der syrischen Grenze (Hatay,
Sanliurfa, Mardin) spürbar, dort leben auch noch etwa 20 000
monophysitische Jakobiten, Angehörige eines
orthodox-christlichen Bekenntnisses. Um Bursa sind viele
Einwohner tscherkessischen Ursprungs, im Hinterland der Ägäis
reichen die ethnischen Traditionen bis auf den Balkan, sogar
Nachkommen afrikanischer Sklaven sind hier vertreten. Pomaken
(muslimische Bulgaren) sind in Thrakien, Lasen (muslimische
Georgier, die übrigens oft blond sind) in der östlichen
Schwarzmeerregion zu finden.
Als größte ethnische Gruppe mit eigener Muttersprache und
einem starken Bewußtsein der eigenen Tradition treten heute
die Türken kurdischer Abstammung auf, deren Zahl vermutlich
über 12 Mio. beträgt. Ihre Siedlungsgebiete reichen von
Südostanatolien bis auf irakisches und iranisches Territorium.
Inzwischen wächst jedoch ihr Anteil in den Millionenstädten im
Westen. Daß die türkische Regierung es jahrzehntelang versäumt
hat, den Kurden, die in Ostanatolien von der Modernisierung
der westlichen Landesteile gar nicht profitieren konnten,
kulturelle Ausdrucksmöglichkeiten zu gestatten, ist der
Hauptgrund für die blutigen Konflikte, die Reisen in den Osten
der Türkei auch weiterhin sehr gefährlich und damit fast
unmöglich machen.
Für viele Touristen, die aus ihren Luxushotels in die
Bergdörfer oder ins Binnenland fahren, wirken die extremen
Unterschiede zwischen dem Leben in den Städten und in den
Dörfern wie ein Schock. Kaum eine Autostunde von den
komfortablen Hotelburgen entfernt, findet man sich in Dörfern
wieder, wo ein Kühlschrank ein unerreichbares Luxusgut ist,
zwischen Holzhütten, vor denen die Frauen auf offenem Feuer
das sac böregi backen, das hauchdünne Fladenbrot der Nomaden.
Es ist ein Sprung in eine Armut, die den reichen <Gast< oft
genug durch entwaffnende Freigebigkeit zu beschämen weiß.
Nicht viel besser sieht es aber auch in den gecekondu (s. S.
2831, den Elendsvierteln im Weichbild der Metropolen, aus.
Dort sammeln sich Landflüchtige in >Dörfern in der Stadt, in
der Regel Menschen aus jeweils einem Heimatdorf, die so das
gewohnte System der Nachbarschaftshilfe
aufrechterhalten können. Feste Arbeit finden die wenigsten,
und so suchen die Männer Tagelöhnerjobs, die Kinder werden als
Schuhputzer oder Süßigkeitenverkäufer bis spät nachts auf die
Straßen geschickt.
Kinderarbeit und Armut der Landbevölkerung sind nur die
augenfälligsten Erscheinungen der sozialen Probleme der
Türkei. Rund zwei Drittel aller Verdienenden sind als
Selbständige tätig; das ist zwar hoch angesehen, doch allzu
häufig handelt es sich dabei um Kleinbauern oder Händler, um
Familienunternehmen wie Restaurants oder Pensionen, wo alle
Familienmitglieder teils helfend, teils mit anderen Nebenjobs
zur Haushaltskasse beitragen müssen. Seitdem das System
staatlich garantierter Preise aufgegeben wurde, sind die
Einkommen der Landbevölkerung ins Bodenlose gefallen. Nur die
Industriearbeiter und Angestellten sind sozialversichert. Die
Löhne sind unvorstellbar gering: Angestellte können mit etwa
500
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